Einige Thesen zum Zitat der Vorseite:
es folgt ein größer Textauszug:
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Lob des Müßigganges |
Eines der Symptome nahenden Nervenzusammenbruchs ist die
Idee, die Arbeit, die man leistet, sei ungeheuer wichtig und ein Ausspannen würde
alles mögliche Unheil heraufbeschwören. Wäre ich Arzt, ich würde jedem
Patienten, der seine Arbeit für wichtig hält, einen Urlaub verordnen.
Die Fähigkeit, seine Muße klug auszufüllen, ist die
letzte Stufe der persönlichen Kultur.
Ich glaube, dass auf der Welt viel zu viel gearbeitet wird
und daß unermesslicher Schaden hervorgerufen wird durch die Überzeugung,
Arbeit sei etwas Heiliges und Tugendhaftes.
Das, was die Menschen den Kampf ums Dasein nennen, ist
nichts anderes als der Kampf um den Aufstieg.
... Ich möchte jedoch jetzt in vollem Ernst erklären, daß
in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden
Wert der Arbeit an sich, und daß der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer
organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist.
In der Vergangenheit gab es eine kleine Klasse von Müßigen
und eine größere arbeitende Klasse. Die Klasse der Müßigen genoß Vorteile,
die auf sozialer Ungerechtigkeit beruhten; dadurch wurde sie zwangsläufig
tyrannisch und gefühlsarm und mußte Theorien zur Rechtfertigung ihrer
Vorrechte erfinden. Das alles schmälerte stark ihre Verdienste, aber trotz
dieser Schattenseiten hat sie fast alles geschaffen, was wir Zivilisation
nennen. Sie förderte die Künste und entdeckte die Wissenschaften; sie schrieb
Bücher, entwickelte Philosophien und vervollkommnete die gesellschaftlichen
Beziehungen. Selbst die Befreiung der Unterdrückten wurde gewöhnlich von oben
her eingeleitet. Ohne die Klasse der Müßiggänger wären die Menschen heute
noch Barbaren.Es war jedoch eine außerordentlich verschwenderische Methode, daß
sich in einer Klasse das Nichtstun, bar aller Pflichten, vererbte. Kein Mitglied
dieser Klasse hatte je gelernt, fleißig zu sein, und im Ganzen gesehen war sie
nicht ungewöhnlich intelligent. Jene Gesellschaftsklasse mochte wohl einmal
einen Darwin hervorbringen, aber diesem einen standen ja Zehntausende von
Landedelleuten gegenüber, die nie etwas Gescheiteres im Kopf hatten als
Fuchsjagden und Strafen für Wilddiebe. Gegenwärtig, nimmt man an, versorgen
uns die Universitäten, auf systematischere Weise, mit allem, was die müßige
Gesellschaftsklasse früher zufällig und nebenbei bewirkte. Das ist ein großer
Fortschritt, hat aber auch gewisse Nachteile. Das Universitätsleben
unterscheidet sich so sehr vom allgemeinen Leben draußen in der Welt, daß die
Menschen, die in einem akademischen Milieu leben, meist keine Ahnung haben von
den eigentlichen Vorurteilen und Problemen der normalen Männer und Frauen; außerdem
haben sie gewöhnlich eine Ausdrucksweise, die ihre Ansichten jedes Einflusses
auf das durchschnittliche Publikum beraubt. Ein anderer Nachteil ist, daß man
an den Universitäten nur organisierte und vorgeschriebene Studienarbeit kennt,
so daß jemand, der auf eigenen Wegen forschend vorgehen möchte, wahrscheinlich
entmutigt werden wird. Akademische Einrichtungen können daher, so nützlich sie
auch sind, nicht als angemessene Wahrer der zivilisatorischen Interessen gelten
in dieser Welt, wo alle Menschen jenseits ihrer Mauern nur allzu eifrig dem
reinen Nützlichkeitsprinzip huldigen.
Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier
Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wißbegierige seinen
wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen,
ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge
Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam
zu machen, um wirtschaftlich so unabhängig zu werden, daß sie die monumentalen
Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen
sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als
Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase
interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren
akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den
Universitäten häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte
werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut
zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit
routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und
die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.
Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben,
statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird
genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung
arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen,
dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung
verlangen. Mindestens ein Prozent wird sich wahrscheinlich in der Zeit, die
nicht mit berufstätiger Arbeit ausgefüllt ist, Aufgaben von allgemeinem Interesse
widmen, und da ihr Lebensunterhalt nicht von dieser Beschäftigung abhängt, werden
sie dabei ungehindert eigene Wege beschreiten können und nicht gezwungen sein,
sich nach den Maßstäben zu richten, die ältere Pseudowissenschaftler aufgestellt
haben. Aber die Vorteile der Muße werden nicht nur an diesen Ausnahmefällen
zu erkennen sein. Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit
haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber
weniger mißtrauisch sein. Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus
diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle langdauernde, harte Arbeit bedeuten
würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor
allem und am meisten bedarf, und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen
und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden
ist die Möglichkeit gegeben, daß alle Menschen behaglich und sicher leben können;
wir haben es statt dessen vorgezogen, daß sich manche überanstrengen und die
andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie
zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber
sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?